Das Märchen vom MärchenhotelDas Märchen vom Märchenhotel

Das Märchen vom Märchenhotel

Von Michael Maaß

Es war einmal ein junges Mädchen das wuchs wohlbehütet mit seinen Geschwistern in einem Haus mit einem großen Garten auf. Es saß darin oft stundenlang auf einer Bank, betrachtete die Blumen und träumte so vor sich hin, von einem Prinzen, der eines Tages auf seinem Pferd am Garten vorbei kommen und das Mädchen auf sein Schloss mitnehmen würde. Eines Tages setzte sich ein großer, farbenprächtiger Schmetterling auf eine Blühte direkt vor Ihr.  „Du bist mir ja ein Prachtexemplar“, rief das Mädchen, „ wo kommst Du her“, fragte es den Schmetterling. „Von weit her“, antworte dieser, doch darunter konnte  sich das kleine Mädchen nicht viel vorstellen. „Gibt es wo Du herkommst ein Schloss mit einem Prinzen auf einem Pferd?“, fragte es den Schmetterling. „ Ja“, antworte der Schmetterling, „er lebt an einem langen Fluss, an dessen Ufern verträumte kleine Orte liegen und an dessen Hängen sagenhafte Weine wachsen. Man nennt ihn den  Moselprinz. „Wo finde ich ihn? Führe mich zu ihm“, bat das Mädchen. Aber der Schmetterling lachte und meinte, dass der Moselprinz zu sehr damit beschäftigt sei Dornröschen zu befreien und außerdem viel zu alt für das Mädchen. Der Fluss sei allerdings leicht zu finden: „Er kommt von weit  her aus einem fremden Land und mündet nicht weit von hier in den Rhein.“

Mit diesen Worten flog der Schmetterling davon. Das Mädchen aber lief zu seiner Mutter und sagte: „ Wenn ich groß genug bin werde ich den Fluss hinaufwandern, von dem mir der Schmetterling erzählt hat und dann werde ich meinen Prinzen finden.“

Von nun an las es die Geschichten in ihrem Märchenbuch mit besonderer Aufmerksamkeit, hoffte es doch darin Wissenswertes für seine Wanderung entlang der Mosel, so nannten sie den langen Fluss von dem der Schmetterling erzählt hatte, zu erfahren und Anhaltspunkte dafür zu bekommen, wo es den Moselprinzen finden konnte.

Leider stand in ihrem Buch aber auch, dass der Moselprinz bereits mit einer Prinzessin verheiratet und damit schon vergeben war. Aber in einer anderen Geschichte erfuhr Sie von einem Prinzen mit dem schönen Namen Stefan, den eine böse Hexe in einen Krebs verwandelt hatte, um zu verhindern, dass dieser die älteste Weinstube des kleinen Moselortes  Bernkastel, übernehmen und zu einem Märchenhotel ausbauen konnte. In ihrem Buch stand auch, dass nur ein junges Mädchen sich in den Krebs verlieben und ihm dadurch wieder seine menschliche Gestalt zurückgeben könnte. Wenn dies geschähe, würde der Fluch der bösen Hexe aufgelöst und beide könnten die Weinstube zu ihrem Märchenhotel machen.

Als das Mädchen 18 Jahre und eine junge Frau geworden war, packte es sein Ränzel, packte Reiseproviant in einen Korb und machte sich auf den Weg zu dem Fluss, den man Mosel nannte , wo sie den Krebs suchen und vom Fluch der Hexe befreien wollte.

Gleich in der ersten Nacht, sie hatte sich gerade, da es Sommer und mollig warm war, vor einem Weinberghäuschen eine Schlafstatt hergerichtet, blickte sie über sich in einen sternenklaren Himmel und plötzlich was ihr, als wenn sie eine Sternschnuppe gesehen hätte.

Sie erinnerte sich daran, in ihrem Buch gelesen zu haben, dass man sich bei einer Sternschnuppe etwas wünschen kann und dass diese Wünsche meistens in Erfüllung gehen. Also sprach sie leise vor sich hin: „Ich wünsche mir bald den Krebs zu finden, ihn von seinem Fluch zu erlösen und ein wenig Geld, damit ich ihm helfen kann seine Weinstube in ein Märchenhotel umzubauen.“ Kaum hatte sie ihren Wunsch ganz ausgesprochen, fielen die Sterne wie goldene Taler vom Himmel, geradewegs in ihren Korb, aus dem sie vorher herausgenommen und sich ein leckeres Abendessen bereitet hatte. Bald war der Korb gefüllt mit Goldstücken, die aussahen wie Sterne : Sterntaler!

Sie schlief mit einem wunderbaren Gefühl ein und machte sich am nächsten Morgen auf, hinunter zum Moselufer, wo sie künftig den Weg Flussaufwärts fortsetzen wollte, um den Krebs zu finden, von dem sie in ihrem Märchenbuch so oft gelesen hatte.

Gegen Mittag traf sie Max & Moritz, die gerade der Witwe Bolte ein gebratenes Hähnchen stibitzt hatten, aber dieses freundschaftlich mit ihr teilten. Etwas später am Nachmittag begegneten ihr Schneewittchen und Rosenrot, die gerade vom Beerensammeln kamen. Auch sie waren freundlich und gaben ihr von den gesammelten Beeren etwas ab. Als es bereits auf den Abend zuging traf sie auf Aschenputtel, die vor den Toren von Kues auf einer Bank saß und Erbsen pulte. „ Hast Du schon einmal etwas von einem verwunschenen Krebs gehört, der hier irgendwo am Fluss auf seine Erlösung wartet?“, fragte sie das Aschenputtel. „Na klar“, antwortete dieses, „wenn Du die Straße weiter entlang gehst  kommst du an eine  Brücke, unter dem ersten Brücken bogen findest du einem großen Stein im Wasser, dort wohnt dein Krebs. Ich selbst wollte ihn ja schon erlösen, aber das hat mir mein Stiefmütterchen verboten“. Das Mädchen dankte und rannte rasch bis zur Brücke an die Stelle, die Aschenputtel beschrieben hatte, um dort den Krebs zu finden.

Sie drehte ein paar Steine um, aber der Krebs war nicht darunter. Dieser besuchte gerade, was er öfter tat, wenn ihm langweilig war,  den Froschkönig, dem ein ähnliches Schicksal wie ihm zuteil geworden war.

Auf dem Rückweg begegnete ihm das Rotkäppchen, das ihn mit den Worten aufmunterte: „Verlass nie Deinen Weg und lass Dich nie von Deinen Zielen ablenken! Du weißt ja, wie es mir gegangen ist. Und ich kann froh sein, dass mir der Jäger zur rechten Zeit geholfen hat. „Du hast gut Reden“, dachte der Krebs und setze seinen Weg zurück zum Stein unter der Brücke fort. „Was ich brauche ist kein Jäger, sondern ein junges Mädchen, um mir zu helfen“.

 

Das Mädchen hatte sich währenddessen ans Ufer gesetzt und dachte: „ Wenn mich Aschenputtel nicht belogen hat, dann wird der Krebs schon irgendwann auftauchen, ich bleibe einfach hier und warte bis er kommt“. Da sie auf ihrem Weg bis hierher müde geworden war, nickte sie ein. Auf einmal war ihr, dass eine Stimme zu ihr sprach: „Hallo schöne Maid, wer seid denn ihr?“ Sie schlug die Augen auf und ….vor ihr saß ein großer roter Krebs im Wasser und schaute sie an. „ Katja“, stammelte sie noch etwas schlaftrunken, „mein Name ist Katja

und wie heißt Du?“

„Stefan“, brummte der Krebs. „ Dann bist Du der Krebs, den ich gesucht habe und für den ich den weiten Weg am Fluss entlang gekommen bin. „Freud mich“, brummte der Krebs, „du gefällst mir, willst Du meine Frau werden?“ „Das will ich gerne“, erwiderte Katja, „aber was muss ich tun um Dich von Deinem Fluch zu erlösen?“ „Küss mich“ brummte Krebs Stefan. Und da fasste sich Katja ein Herz, griff ins Wasser und nahm den Krebs heraus. Sie küsste ihn auf seinen feuchten, leicht klitschigen Panzer und….mit einem Knall löste sich der Krebs auf und vor ihr stand Stefan,  in Menschengestalt.

 „Danke, dass Du mich erlöst hast! Komm mit mir über die Brücke nach Bernkastel, dort steht eine alte Weinstube, die mir gehört und die ich jetzt mit Dir zu einem wunderbaren Märchenhotel umbauen kann.“

Und schon sausten beide Hand in Hand über die Brücke. Leider, es war ja bereits Abend geworden,  war das das Tor schon geschlossen, so dass Sie nicht in die Stadt hineinkamen. Aber Katja erinnerte sich an ihr Märchenbuch und rief ganz laut: Rapunzel, Rapunzel lass Dein Haar herunter. Und tatsächlich: Über dem Tor öffnete sich ein Fenster und Rapunzel rollte ihr langes Haar hinab, welches so dicht und fest war wie eine Strickleiter und an der Katja und Stefan hinaufkletterten und so in die Stadt hinein gelangen konnten.

 Als Sie die Alte Weinstube erreichen, was die Freude groß. Brigitte, Stefans Mutter hatte schon nicht mehr daran geklaubt, dass ihr Sohn eines Tages zurückkäme, um der Alten Weinstube neues Leben einzuhauchen. Nun hatte dieser auch noch Katja mitgebracht, ihre zukünftige Schwiegertochter, was darauf schließen ließ, dass es bald auch kleine Nachwuchskrebse geben würde.

Gleich am nächsten Tag lud Stefan eine junge Architektin ein, die ihm bereits einmal geholfen hatte und besprach mit ihr was zu tun sei, um seinen Traum vom Märchenhotel Wirklichkeit werden zu lassen. Ideen wurden entwickelt und verworfen und schließlich musste Stefan erkennen, dass gute Ideen auch ihren Preis haben. Aber da fiel Katja ein, dass sie in ihrem Körbchen ja noch die goldenen Sterntaler aufbewahrte. Sie gab den Korb der jungen Architektin, die sich sogleich an die Arbeit machte, zusammen mit zahlreichen guten Handwerkern, die alle froh waren ihr Können bei der Realisierung der manchmal nicht ganz einfachen Aufgabe unter Beweis stellen zu können.

Fünf Sterne übrigens, die sich Katja zur Sicherheit in den Saum ihres Kleides eingenäht hatte, gab sie nicht an die junge Architektin und die Handwerker weiter.  Vier davon ließ sie vom Hotel- und Gaststättenverband in ein schweres Metallschild einarbeiten, welches neben der Eingangstür angebracht wurde und nun stolz vom fast kometenhaften Aufstieg der alten Weinstube zu einem respektablen Vier-Sterne-Hotel kündet. Den fünften Sterntaler verwart Katja in einem kleinen Kästchen in ihrem Heim auf und manchmal begegnet ihr in ihren Träumen der Nacht eine gute Fee und sie erinnert sich voller Dankbarkeit [und manchmal auch ein wenig verwundert] an ihre lange Reise, die sie mit ihrem Stefan bis hierher zurückgelegt hat und an die vielen netten und hilfsbereiten Menschen, die dieses Märchen begleiten.

„Und wer weiß“, raunt ihr gelegentlich die Göttin des Glücks im Traum zu, „wozu der 5. Stern noch Verwendung finden wird?“

Wenn am Ende des Jahres Frau Holle die Betten der Bauernstube kräftig ausschüttelt und den kleinen Ort Bernkastel mit einem weißen Winterkleid überzieht, kommt übrigens auch gerne die Schneekönigin zu Besuch, die sich dann am Kamin ihrer neuen Suite aufwärmt. Und manchmal lädt sie auch den Moselprinz dazu ein, mit ihr in den Whirlpool zu steigen, einen prickelnden Winzersekt von Dr. Loosen zu schlürfen, ein paar wunderbare Kreationen aus der Krebsküche zu naschen und auf diese Weise ein paar Stunden Wellness zu betreiben.

Habe ich noch etwas vergessen?

Ach ja: Nachdem der Wolf aus dem Haus der Großmutter vertrieben worden war, wurde dieses viele Jahre als Weinberghaus genutzt und darunter ein langer Stollen als Weinkeller in den Berg getrieben. Um sich beim Rotkäppchen auf besondere Weise zu bedanken hat Stefan Krebs das Haus mittlerweile gekauft und nennt es fortan: Häuschen Rotkäppchen.

Der Keller wurde provisorisch verschlossen, damit weder ein Wolf noch eine böse Hexe damit Schindluder treiben können. Aber Stefan Krebs wäre nicht Stefan Krebs, wenn eines schönen Tages nicht auch in diesem Keller ein weiteres Märchen wahr werden würde.

 

Weimar, den 3.8.2009


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